StadtZeitung vom 30.04.08

Die SZ in der Brennerei bei Schnaps-Guru Dirker

Von Matthias Gast

Mömbris/Freigericht-Neuses. Lange bevor Arno Dirker an Mirabellenwasser und
Rhabarberlikör dachte, hat er sich in alte Autos verguckt. Als er in Frankreich
einen alten Ford mit langen Heckflossen (Baujahr 1959) kaufte, drohte ihm
seine damalige Fre
undin: „Wenn du Den nicht zurückbringst, heirate ich
dich nicht.“ Er gehorchte, brachte den Wagen zurück und heiratete sie.
„Ich war 20 Jahre verheiratet. Mittlerweile bin ich geschieden, da hätte
ich das Auto auch kaufen können“, lacht Dirker.

Vielleicht hätte er sich durch den alten Wagen weniger um sein Obst kümmern kön-
nen und wir wären nie in den Genuss seiner edlen Tropfen gekommen. Die entstan-
den aber auch erst aus der Not heraus. Absatzschwierigkeiten waren der Grund für
Dirkers Experimentierfreudigkeit. Mitte der achtziger Jahre wuchsen Supermärkte
wie Pilze aus dem Boden. Dirker bekam sein Obst nicht mehr los. Auch die Keltereien
zahlten weniger. Dirker hatte eine Idee, kaufte eine Obst-Presse und stellte seine eige-
nen Produkte her. „Meine Bundeswehrkollegen waren begeistert“, denkt Dirker an die An-
fänge zurück. Später kamen durch einen Messestand in Stuttgart Stammkunden in Kreuz-
berg hinzu, die Dirker persönlich belieferte. Mit 1.000 Liter Apfelwein im Gepäck tuckerte er
durch die damalige DDR bis nach Berlin.

Ohrfeige für Feldarbeit

Um 5 Uhr klingelt Dirkers Wecker, ab 6 Uhr wirft er den Brennkessel an. Danach teilt er seine neun Arbeiter ein, überwacht alle Vorgänge, betreut Kunden, sorgt für Nachschub in seinen Verkaufsregalen und kümmert sich um seinen Tag der offenen Tür am 1. Juni. Auch Abends hält er zu seinem Fachgebiet Präsentationen, Verkostungen oder fungiert als Jurymitglied. Aber nur im Winter, denn im Sommer arbeitet er auf dem Feld, eine Wonne für den naturverbundenen Edel-Brenner. Als Bub hat er für die Feldarbeit auch mal die Schule geschwänzt. „Dann gab´s eben eine Ohrfeige vom Lehrer“, erinnert sich Dirker. Dabei tüftelt er – wenn er Zeit findet – an neuen Sorten von Schnäpsen und Likören. Bei dem Gedanken gerät Dirker ins Schwärmen: „ Ich versuche auch,
Ungenießbares genießbar zu machen, zum Beispiel die eigentlich giftige Eibe.“ Aber das funktioniert nicht immer: „Lorbeerkirsch schmeckt süßlich, hat ein tolles Aroma. Aber das schmeckt man nur einmal, danach ist der Mund taub, ich habe es ausprobiert.“
Ich bin gerne bayerisch-hes-
sischer Grenzgänger, weil…
„Ich einerseits gebürtiger Mömbriser bin, andererseits sind mir die hessischen Behörden sehr wohl gesonnen. Das Obst aus unserem Kahlgrund ergibt die aromatischsten Destillate. Ich mag auch die Landschaft sehr, die Höhen mit tollen Panoramen und die ruhigen Täler.“
Kapelle im Garten

Der gelernte Schreiner beschäftigt sich auch begeistert mit Zimmermannsarbeit. Sein Haus im Fachwerkstil hat er selbst gebaut. Aber davon hat er noch nicht genug. Das 1752 erbaute ehemalige Schulgebäude (später Pfarrhaus) von Mömbris hat er Stück für Stück abgebaut, die Fachwerkbalken nummeriert und gelagert. Das historische Gebäude baut er auf seinem Grundstück wieder auf. Dazu kommt noch eine kleine Kapelle, die Dirker aus Dankbarkeit für den guten Ausgang des Grenzstreits um Brennrechte in seinem Garten errichten will. „Man kann darin auch Taufen abhalten oder

einfach seine Ruhe finden.“ Die Pläne liegen schon in der Schublade. Bleibt nur die Frage: Woher nimmt er die Zeit für seine Projekte?